Schockwelle - Die Folgen der Pandemie für die Weltwirtschaft

Analyse

Die Corona-Pandemie hat starke Auswirkungen auf die weltweite Wirtschaft. Welche?L?nder haben rechtzeitig reagiert? Wo bahnt sich die n?chste Wirtschaftskrise an??Adam Tooze schreibt darüber, wie der Corona-Virus die Weltwirtschaft ver?ndert.

Geb?ude, Hauptsitz der amerikanischen Zentralbank

Im M?rz, als Europa und die USA das Ausma? der Covid-19-Pandemie zu begreifen begannen, gerieten Investoren in Panik. Die Finanzm?rkte stürzten ab. Die Flucht war so heftig, dass das normale Funktionieren der M?rkte in der zweiten und dritten M?rzwoche mehrmals in Frage gestellt wurde. Die Kurse der US-Staatsanleihen, der ultimativen sicheren Anlage für Anleger auf der ganzen Welt, schwankten erratisch, als die Fondsmanager auf der Suche nach Bargeld alles verkauften, was sie verkaufen konnten. Auf dem Devisenmarkt, durch den normalerweise t?glich mehr als 6 Billionen Dollar wirbeln, verlief der Handel in eine Richtung: von jeder W?hrung der Welt in den Dollar. Kein Markt kann lange so funktionieren. Das Pfund Sterling stürzte ab. Sogar Gold wurde verkauft. Dies war keine Bankenkrise wie im Jahr 2008, aber ohne die spektakul?re Intervention der US-Notenbank, der Bank of England und der Europ?ischen Zentralbank h?tten wir es jetzt nicht nur mit den Verwüstungen von Covid-19 und den katastrophalen sozialen und wirtschaftlichen Folgen der Ausgangssperren zu tun, sondern auch mit einem finanziellen Herzinfarkt.

Stattdessen erleben wir eine Schockwelle der Kreditkontraktion. Produktion und Besch?ftigung sind dramatisch geschrumpft. Riesige staatliche Ausgabenprogramme wurden in Gang gesetzt, nicht um neue Arbeitspl?tze zu schaffen, sondern um die Wirtschaft am Leben zu erhalten. Die Herausforderung ist nicht nur technischer Natur. Es handelt sich um eine globale Krise, die praktisch jede Gemeinschaft auf dem Planeten betrifft. Und sie hat krasse Unterschiede zwischen den gro?en Wirtschaftsbl?cken offenbart, so dass es heute schwieriger denn je ist, zu verstehen, wie das, was wir Weltwirtschaft nennen, tats?chlich zusammenpasst.

Die Schw?chen der Drehkreuze

Die drei gro?en Zentren der Produktion, des Austauschs und der Unternehmenst?tigkeit sind die USA, China und die Eurozone. Diese Wirtschaftszentren sind durch Handelsstr?me miteinander verbunden, die in komplexen Lieferketten rund um den Globus organisiert sind. Jedes der drei Drehkreuze hat ein Hinterland, das sich in benachbarte Regionen in Lateinamerika, Ostmitteleuropa, Afrika und ganz Asien erstreckt. Sie alle sind in ein globales Finanzsystem eingebunden, das den US-Dollar als Handels- und Kreditw?hrung verwendet. Jedes der drei Drehkreuze hat charakteristische Schw?chen. Die Sorge um China ist die Nachhaltigkeit seines schuldengetriebenen Wirtschaftswachstums.

Die grundlegenden Schw?chen der Eurozone bestehen darin, dass sie noch immer keinen Rückhalt für ihr wackliges Bankensystem hat und dass es ihr an gemeinsamen fiskalischen Strukturen und Instrumenten mangelt; zudem sind die Finanzen Italiens so schwach, dass sie die europ?ische Solidarit?t immer wieder zu erschüttern drohen. In den USA funktionieren die nationalen Institutionen der Wirtschaftspolitik tats?chlich: Sie haben dies 2008 bewiesen und tun dies auch jetzt wieder. Die Fed und das Finanzministerium üben nicht nur auf die US-Wirtschaft, sondern auf das gesamte globale System einen enormen Einfluss aus. Die Frage ist, wie sie zu einer tief gespaltenen amerikanischen Gesellschaft stehen und wie ihr technokratischer Politikstil vom wissensverachtenden nationalistischen rechten Flügel der Republikanischen Partei und ihrem Verfechter im Wei?en Haus aufgenommen wird.

Schwerwiegendes Versagen

In den letzten Jahren hat jede dieser Schw?chen zu verschiedenen Zeiten die Aufmerksamkeit der Fondsmanager und Wirtschaftsführer, die die globale Wirtschaft leiten, sowie der sie beratenden Expert/innen und Technokrat/innen, auf sich gezogen. Es ist kein Geheimnis, dass Chinas Schuldenblase, Europas Spaltungen und Amerikas irrationale politische Kultur eine Herausforderung für das Funktionieren dessen darstellen, was wir als Weltwirtschaft kennen. Was die Panik im vergangenen Monat ausl?ste, war die Erkenntnis, dass Covid-19 alle drei Schw?chen gleichzeitig aufgedeckt hat. In der Tat war das Versagen der Regierungen in Europa und den USA so schwerwiegend, dass wir jetzt gleichzeitig mit einer Katastrophe im Bereich der ?ffentlichen Gesundheit und einer wirtschaftlichen Katastrophe konfrontiert sind - und zu allem überfluss scheint Donald Trump versucht zu sein, mit beiden zu jonglieren.

Seit 2008 ist die Weltwirtschaft in einem beunruhigenden Ma?e von staatlichen Stimulierungsma?nahmen abh?ngig geworden. Niemand kann so tun, als ob unsere Realit?t den ursprünglichen Marktmodellen der 1980er und 1990er Jahre entsprechen würde. Aber jede/r, der diese Modelle für bare Münze nahm, hat das Wesentliche übersehen. Die ganze Zeit über war der Staat tats?chlich beteiligt, sei es als Sch?pfer von M?rkten oder als Verteiler und Durchsetzer von Eigentumsrechten. Neu ist, dass die Zentralbanken nun st?ndig auf Abruf zur Verfügung stehen und immer dann, wenn das Wachstum nachl?sst, weitere Impulse geben. Und sie wurden regelm??ig hinzugezogen, weil das Produktivit?tswachstum so langsam war. Gleichzeitig konnten wir im Zeitalter der Austerit?t nicht darauf z?hlen, dass die Politiker/innen angemessene fiskalische Anreize liefern. Die EU war bis zum jetzigen Zeitpunkt taub für alle Aufrufe zur Lockerung der Sparauflagen. Die Republikaner spielen mit dem amerikanischen Haushalt politischen Fu?ball. Nur Peking scheint alle F?den - Industriepolitik, steuerliche und monet?re Anreize - in der Hand zu halten.

Ungleichheit versch?rft

Die kontinuierliche Zuführung von geldpolitischen Impulsen durch die Zentralbanken verleiht ihren sehr ungleichen Nutznie?ern ein unterschiedliches Ma? an Gewinn und Risiko. In den USA und in Europa haben die Aktienm?rkte nach 2008 die Arbeitseinkommen überstiegen, was die Ungleichheit noch versch?rft hat. überall auf der Welt nahmen Unternehmen Kredite in Dollar auf und nutzten dabei die tiefen Finanzm?rkte und die niedrigen Zinss?tze Amerikas. Aber das setzte sie Risiken aus. Der erste Schock kam 2013 - der so genannte "taper tantrum", ausgel?st durch den Vorschlag des Fed-Vorsitzenden Ben Bernanke, dass die amerikanische Zentralbank kurz davor sei, den Fu? vom Gaspedal zu nehmen. Für viele Schwellenl?nder war 2013 der Zeitpunkt, an dem sich das Wachstum verlangsamte und ihre W?hrungen an Boden verloren.

Im Jahr 2014 wurden die ?lproduzenten vom ersten gro?en Einbruch der Energiepreise getroffen. Erst 2016 stabilisierten sich die ?lpreise wieder, nachdem die OPEC und Russland eine mühsame Einigung erzielt hatten. Bevor dieses Abkommen in Kraft treten konnte, überstand die Weltwirtschaft den ersten wirklichen Rückschlag für Chinas jüngsten wirtschaftlichen Erfolg. Im Jahr 2015 stürzte der Aktienmarkt in Schanghai ab, und eine Billion Dollar flohen aus China, wodurch sich die immensen Reserven Chinas um ein Viertel verringerten. Im gleichen Moment qu?lte sich die Eurozone durch den Kampf mit der linken Regierung in Griechenland. Diesmal reagierten nicht nur die Chines/innen, sondern auch die EZB mit einem massiven geldpolitischen Stimulus. Dies unterstützte ihre Volkswirtschaften, aber da die Fed gerade in dem Ma?e wie die Europ?er/innen, Japaner/innen und Chines/innen die Zinsen in den USA anhoben, führte dies zu einer Aufwertung des Dollars. Dies übte Druck auf die Unternehmen und Regierungen in aller Welt aus, die Dollarkredite aufgenommen hatten, die nun in ihrer Landesw?hrung teurer wurden. Aus dem gleichen Grund war ein starker US-Dollar auch schlecht für die US-Exporteure. Die Minirezession in der US-Fertigung, die Industrieregionen wie Michigan und Wisconsin traf, war ein untersch?tzter Faktor, der die Voraussetzungen für den überraschungssieg von Trump im Jahr 2016 schuf.

Disruptiver Wechsel im Wei?en Haus

Als Trump im Januar 2017 das Wei?e Haus übernahm, wurde ?ngstlich über die Bedrohung durch den Populismus gesprochen. Die Republikaner, die seit 2010 im Kongress dominieren, hatten dem hegemonialen ?konomischen Denken in den USA einen Strich durch die Rechnung gemacht: Widerstand gegen Stimuli, Drohung mit Zahlungsausfall bei den amerikanischen Schulden, Sabotage der Quotenreform beim IWF. War das nationale politische System der USA mit Trump an der Spitze im Begriff, jegliches Streben nach globaler Führung und Stabilisierung abzuschütteln?

Getreu seinen Wahlversprechungen bestand der erste Punkt auf Trumps Tagesordnung darin, dem nordamerikanischen Freihandelsabkommen NAFTA, der EU und China einen Handelskrieg zu erkl?ren. Dies war für Sektoren wie Fahrzeugbau und Landwirtschaft, die stark internationalisiert sind, sehr disruptiv. Noch alarmierender war die Art und Weise, wie der Zollwettstreit in das Gerede von systemischer Rivalit?t mutierte: Würden Technologieunternehmen wie Huawei oder Apple in der Lage sein, ihre globalen Ambitionen weiter zu verfolgen? Amerikas Verbündete standen vor schweren Entscheidungen. Aus der Sicht einer verwirrten EU sahen sowohl Trump's Amerika als auch Xi's China so aus, als stellten sie die Priorit?t der Globalisierung in Frage.

Giftschwaden der Verunsicherung

Zu diesem Zeitpunkt des letzten Jahres trübten Giftschwaden der Verunsicherung die globalen M?rkte ein. Investitionen und Investoren zogen sich zurück. Wie im Jahr 2015 war es die hochgradig vernetzte globale Produktion, die den rezessiven Druck spürte. Für globale Produktionszentren wie Südkorea oder Deutschland waren die Aussichten düster. Und im Hintergrund, die Berichte des IWF füllend, standen die Sorgen um den riesigen Schuldenberg, der sich seit 2008 angeh?uft hatte. Billionen von Dollar müssten zu gegebener Zeit zurückgezahlt werden. Was würde geschehen, wenn sich die finanziellen Bedingungen pl?tzlich versch?rften?

Protestgeheul deutscher Konservativer

Echte Konservative, im Unterschied zu denen, die lediglich der Religion der B?rse folgen, begrü?ten die Aussicht auf eine Marktbereinigung. Es war Zeit für einen Ausgleich, Zeit, die Unternehmen zu verschlanken, die sich an zu viel billiger Finanzierung verschlungen hatten, Zeit für eine Rückkehr zur Disziplin. Dies, so glaubten sie, sei der Ausweg aus der seltsamen alternativen Realit?t, die seit 2008 durch monet?re Anreize geschaffen wurde. Stattdessen traten im Sommer 2019 die Zentralbanken wieder in den Ring. Von Trump bedr?ngt, kehrte die Fed zur Expansion zurück. Nach dem Protestgeheul der deutschen Konservativen leitete Mario Draghi, der vor der Tür der EZB stand, eine neue Runde von Anleihek?ufen, der sogenannten ?quantitativen Lockerung“ ein. Die Gefahr einer Rezession hatte die Gemüter in Washington und Peking fokussiert. Der Krieg um Huawei ging weiter, ebenso wie das düstere Gerede über strategischen Wettbewerb, aber China und die USA einigten sich auf ein Handelsabkommen.

Zu Beginn des Jahres 2020 blieb das Selbstvertrauen der Technokraten intakt. Das Hauptanliegen in Europa war nicht die unmittelbare wirtschaftliche Situation, sondern die M?glichkeit, einen neuen Green Deal abzuschlie?en. Der Klimawandel und die Energiewende waren eine riesige, dringende Herausforderung, die die Allianzen des Kalten Krieges weiter aufl?sen würde. Es war China, nicht die USA, das wie ein potenzieller Partner aussah. Trump und seine Partei leugneten einfach die Wissenschaft. Die UN-Klimakonferenz 2020, COP26 (die im November in Glasgow stattfinden sollte, aber jetzt verschoben wurde), war ein Schicksalsdatum, ein Moment der Erneuerung der im Pariser Abkommen von 2015 abgelegten Gelübde.

Die neue Bedrohung

Dann sickerte die Nachricht von einer neuen Bedrohung durch. Am 31. Dezember 2019 informierte China die Weltgesundheitsorganisation über ein neuartiges Virus. Seine Letalit?t und die Tatsache, dass es von Mensch zu Mensch übertragen werden kann, wurden schnell best?tigt. Doch Trump und seine Anh?nger/innen hatten für das "Wuhan-Virus" nicht mehr Zeit als für den Klimawandel. Am 22. Januar winkte er in Davos ver?chtlich Fragen danach ab. Er vertraute seinen neuen Freunden in Peking; Amerika hatte die Situation unter Kontrolle. Aber die M?rkte waren beunruhigt. Am 23. Januar begann die chinesische Führung mit einer beispiellosen Abriegelung: Ein Sperrgürtel wurde um Wuhan geworfen, einer Stadt mit 11 Millionen Einwohner/innen in der Provinz Hubei. Hubei mag vielen Menschen au?erhalb Chinas kein gel?ufiger Name gewesen sein. Aber es steht ganz oben auf der Landkarte der globalen Investoren: Neun Prozent der chinesischen Autoindustrie - der gr??ten der Welt - sind dort angesiedelt. W?hrend Gesundheitsexperten darum k?mpften, die Politiker dazu zu bewegen, Covid-19 ernst zu nehmen, hatten Samsung, Nissan und Jaguar Land Rover Mühe, die Produktion aufrechtzuerhalten, weil sie wichtige Teile nicht aus China beziehen konnten. In den folgenden Wochen geh?rten die Banker/innen zu den ersten, die sich der neuen Gruppe von Amateur-Epidemiolog/innen anschlossen.

Wie kann man die Bedrohung einsch?tzen? Das naheliegende Modell war SARS im Jahr 2003, und es war ein beruhigendes Modell: China mag die ersten Schritte seiner Reaktion auf Covid-19 verpfuscht haben, aber es hatte Erfahrung mit diesen Dingen und würde bald wieder zu seinem Einfluss zurückfinden. Die maoistischen Ankl?nge von Xi Jinpings Volkskrieg gegen das Virus waren einschüchternd, aber die M?rkte waren mit dem faustischen Pakt zufrieden, den sie mit dem Autoritarismus der Kommunistischen Partei Chinas geschlossen hatten. Es war eher eine Erleichterung, dass das Virus andere beunruhigende Nachrichten über China aus den Schlagzeilen verdr?ngt hatte, wie zum Beispiel die staatlichen Repressionen in Xinjiang und Hongkong.

Wachstumsprognosen nach unten korrigiert

Im Laufe des Februars begannen die Wirtschaftsprognostiker/innen, ihre Wachstumsprognosen um 0,1 oder 0,2 Prozent nach unten zu korrigieren. Die Sorge war zu diesem Zeitpunkt noch die Art und Weise, wie sich der Lockdown in China auf das globale Wirtschaftswachstum auswirken k?nnte, und nicht die Ausbreitung des Virus selbst. Chinas unmittelbare Nachbarn - Südkorea, Japan, Taiwan - leisteten alle vorbildliche Arbeit bei der Eind?mmung der Ausbreitung des Virus. Die USA meldeten weiterhin eine winzige Anzahl von F?llen. Sie hatten auch eine l?cherliche Anzahl von Tests durchgeführt, aber die Bedeutung dieser Tatsache war anfangs nicht offensichtlich. Am 14. Februar wies der IWF auf die Gefahr hin, dass sich das Virus auf ein Entwicklungsland mit einem unzureichend ausgestatteten medizinischen System ausbreiten k?nnte; er konnte sich nicht vorstellen, dass Covid-19 einen weiteren wichtigen Knotenpunkt der Weltwirtschaft überrennen würde. Das Treffen der G20-Finanzminister/innen?in der abgeschiedenen Ruhe von Riad am Wochenende des 22. und 23. Februar war eine Routineangelegenheit. Alles, worüber Trumps Lakaien sprechen wollten, waren die Lektionen in Unternehmertum, die Europas Nachzügler von Amerika lernen k?nnten.

Europa in der Sackgasse

Doch noch am selben Wochenende trafen die Nachrichten aus Europa ein. Peking k?nnte dabei sein, seinen Krieg gegen Covid-19 zu gewinnen, aber in Italien war die Eind?mmungsstrategie gescheitert. Da sich das Quarant?negebiet bis nach Mailand erstreckte, war das schw?chste Glied der Eurozone im Begriff, die H?lfte seiner nationalen Produktion zu verlieren. Wie würde sich Europa angesichts der Sackgasse, in der sich die Bankenrisiken und eine gemeinsame Steuerpolitik befinden, dieser Herausforderung im Bereich der ?ffentlichen Gesundheit stellen? Die Anzeichen waren nicht ermutigend. Frankreich zeigte ein gewisses Ma? an strategischer Weitsicht; sein Finanzminister Bruno Le Maire, sekundiert von Mark Carney von der Bank of England, dr?ngte auf ein gemeinsames Vorgehen. Doch Le Maire's deutscher Amtskollege lavierte um eine Entscheidung herum. Es sollte ein typisches Fiasko der Eurozone werden.

Hart auf den italienischen Schock folgte die Erkenntnis, dass in den USA selbst etwas schrecklich falsch lief. Amerika verfügt über einen gewaltigen ?ffentlichen Gesundheitsapparat und hatte gut durchdachte Pl?ne für den Umgang mit einer Pandemie. Aber, wie sich immer deutlicher herausstellte, hatten die Centers for Disease Control and Prevention und die Food and Drug Administration die Einführung eines Tests für das Virus katastrophal verpfuscht. Trump blieb hartn?ckig unbekümmert. Als an den Finanzm?rkten Anzeichen echter Nervosit?t zu erkennen waren, riet er den Anlegern zu K?ufen der nun günstigen Aktien ("Buy the Dip") und griff China und die Demokraten wegen Panikmache an. Das Wechselspiel zwischen den Nachrichten über Covid-19 und den jüngsten Bewegungen an der Wall Street sind für Trumps Politik nicht nebens?chlich. Die M?rkte sind neben den Fernsehquoten einer der wenigen Tests seiner Performance, die der Pr?sident ernst nimmt.

Weltwirtschaft am Abgrund

W?hrenddessen kamen die Leute, die die Berechnungen anstellten, zu erschreckenden Schlussfolgerungen. Wenn dies eine echte Pandemie w?re, würde die gesamte Weltwirtschaft in einen Abgrund stürzen. Industrie, Dienstleistungen und das sie verbindende Verkehrsnetz würden zum Erliegen kommen. Der gemeinsame Nenner in diesem System ist die Energie. Zu Beginn des Jahres 2020, inmitten des Geschreis um den Klimawandel, hatten die gro?en ?lproduzenten Grund zu der Annahme, dass sie in das Endspiel um fossile Brennstoffe eintreten würden. In Erwartung eines starken Nachfragerückgangs wegen des Lockdowns in China verbrachte Riad im Februar damit, Moskau um eine Drosselung der Produktion zu bitten. Die Russ/innen lehnten ab. Wem würde es schlie?lich nützen, wenn sie und die Saudis die Produktion kürzen? Es w?re Amerikas junge Schieferindustrie, auf der die Falken in Washington DC ihre Hoffnung auf eine "Energiedominanz" gründen. Moskau war nur allzu glücklich mit der Aussicht, dass Amerikas ?lindustrie auf dem Amboss der Pandemie in Stücke spr?nge. Am Samstag, dem 7. M?rz, gab Riad bekannt, dass es die H?hne ?ffnen werde. Die ?lpreise stürzten ab.

Implosion des Vertrauens

An diesem Wochenende brach das Vertrauen in den Markt endgültig zusammen. Der historische Einbruch der ?lpreise machte das Ausma? des Coronavirus-Schocks deutlich. Als am Morgen des Montags 8. M?rz der Handel in Asien begann, wurde deutlich, dass ein massiver Ausverkauf im Gange war. In den folgenden zwei Wochen brachen die M?rkte zusammen. Alles wurde verkauft. Der Dollar schoss in die H?he und drohte, diejenigen zu erdrücken, die sich Dollar geliehen hatten. Um die Welle der panikartigen Verk?ufe zu stoppen, hat die Fed alle wichtigen inl?ndischen Kreditm?rkte gestützt. Gleichzeitig hat sie Dollar-Liquidit?t über das Netz der Liquidit?ts-Swap-Linien auf die wichtigsten Zentren der globalen Finanzwelt ausgeweitet. Diese Swap Linien erm?glichen es einem inneren Kreis von 14 Zentralbanken, ihre W?hrungen in Dollar zu tauschen.

Darüber hinaus ist es Zentralbanken auf der ganzen Welt nun m?glich, Dollar-Kredite bei der Fed aufzunehmen. Dabei akzeptiert die Fed amerikanische Schuldtitel (Treasuries), die die jeweiligen Zentralbanken in ihren Devisenreserven halten, als Sicherheiten - alles, um einen Ausverkauf durch die Zentralbanken zu verhindern. Nach anf?nglichem Z?gern hat die EZB ein riesiges Programm zum Ankauf von Verm?genswerten aufgelegt. Sowohl die EZB als auch die Fed intervenieren so schnell wie seit 2008 nicht mehr. Für die Bank of England kam der kritische Moment am 17. und 18. M?rz. Als die britische Regierung wegen ihrer?Politik ins Straucheln geriet, stürzte das Pfund Sterling ab, und der Markt für britische Staatsanleihen geriet in Unordnung. Um die Preise zu stabilisieren und die Renditen nach unten zu drücken, verabschiedete die Bank ein massives diskretion?res Programm zum Ankauf von Anleihen. Das Eingest?ndnis von Mario Draghi im Jahr 2012, dass die EZB "alles tun würde, was n?tig ist", um den Euro zu retten, war der H?hepunkt eines mehr als zweij?hrigen politischen und wirtschaftlichen Kampfes. Dieses Mal war es der erste Grundsatz der Intervention der Zentralbanken.

Massive Vernichtung von Arbeitspl?tzen

Die massive Reaktion der Zentralbanken hat die Panik gestoppt. Aber wir stehen erst am Anfang des Lockdown. Jeder Tag bringt Nachrichten über die Herabstufung der Kreditwürdigkeit von Unternehmen, was das Kreditangebot nach und nach verknappen wird. Die Rezessionsspirale steht erst am Anfang. In den USA übertrafen die am 26. M?rz und 2. April ver?ffentlichten Arbeitslosenzahlen alles bisher Dagewesene: 3,3 Millionen Menschen meldeten sich in der ersten Woche für Leistungen an und 6,6 Millionen in der zweiten Woche. Für die kommenden Tage und Wochen wird mit einer noch schlimmeren Entwicklung gerechnet.

Prognosen zu diesem Zeitpunkt sind kaum mehr als ein Ratespiel. Klar ist, dass das Virus zu einem brutalen Test für die F?higkeit geworden ist, eine koh?rente Krisenreaktion zu formulieren, zu entwerfen und umzusetzen. Ein Ma? für den Erfolg werden die wirtschaftlichen Kosten sein, gemessen an den verlorenen Arbeitspl?tzen und dem entgangenen Bruttoinlandsprodukt. Die andere werden die Covid-19 Todesf?lle pro Kopf der Bev?lkerung sein.

?Der Hammer und der Tanz“

Die Strategie, die Epidemie hart und schnell zu bek?mpfen und dann zu versuchen, weitere Ausbrüche auf l?ngere Sicht einzud?mmen - "der Hammer und der Tanz" wurde sie genannt - ist das, was bisher in China, Südkorea, Hongkong, Taiwan und Singapur tats?chlich erreicht wurde. Wie in Xi's Ansprache an das Politbüro am 3. Februar dargelegt wurde, lief Chinas Reaktion auf eine umfassende Mobilisierung des gesamten technischen, wirtschaftlichen, politischen und sozialen Apparats des Regimes hinaus. Sein Bemühen um soziale Distanzierung erforderte eine Armee von Aufseher/innen, Beobachter/innen und paramilit?rischen Polizeikr?ften.

Auf die Gr??e einer Stadt wie London oder New York skaliert, entspr?che das einer Truppe von fünfzigtausend Untergebenen - so etwas wie die gesamte uniformierte St?rke der New Yorker Polizei einschlie?lich ihrer Hilfstruppen -, die sich ausschlie?lich der Kontrolle der Epidemie widmen. Südkorea, Singapur und Taiwan haben mehr Hightech und weniger repressive Ans?tze eingesetzt. Alle diese L?nder haben die Epidemie merklich verlangsamt und die Rückkehr zur Normalit?t eingeleitet. Wie weit diese Rückkehr voranschreiten kann, h?ngt weitgehend von der Zugkraft der chinesischen Wirtschaftslokomotive ab. Bislang sind die Impulse Chinas ged?mpft, insbesondere im Vergleich zu seinen heroischen Anstrengungen im Jahr 2008. Das Land ist heute reicher, aber eingeschr?nkter als damals. Die ?ngste, die seine politischen Entscheidungstr?ger vor Covid-19 verfolgt haben, sind nicht verschwunden. Sie haben nach wie vor mit einem fragilen Bankensystem, überschuldeten Unternehmen und der Last einer unproduktiven Infrastruktur zu k?mpfen - und sie werden nach wie vor von der Erinnerung an 2015 verfolgt, als die chinesische W?hrung unter ernsthaftem Druck stand.

Europas Mutlosigkeit als selbsterfüllende Prophezeiung

Aber das sind Probleme, die andere sich wünschen würden. Im Westen ist die Landschaft dunkler. Europa ist nicht mit einer einzigen Katastrophe konfrontiert, sondern mit einer Reihe von Katastrophen, jede von der Gr??enordnung von Hubei. Indem China das Schlimmste des Ausbruchs auf eine einzige Provinz beschr?nkte, konnte es seine medizinischen Ressourcen bündeln und strategisch einsetzen. Stellen Sie sich vor, die EU w?re in der Lage gewesen, 15.000 medizinische Mitarbeiter/innen nach Italien zu schicken. Aber Europa hat nie über diese Ressourcen verfügt, und auf jeden Fall wird die Ausbreitung der Epidemie einen solchen Einsatz jetzt nicht mehr zulassen. Die Krise wird Nation für Nation bek?mpft, mit allen verfügbaren Ressourcen. Diese werden durch die begrenzten finanziellen Kapazit?ten der einzelnen Mitgliedsstaaten bestimmt. Es ist zu befürchten, dass die tiefen Schw?chen in der Konstruktion der Eurozone offengelegt werden.

Deutschland, wo die medizinischen Auswirkungen der Krise bisher weit weniger schwerwiegend waren als anderswo, leistet sich einen weitaus gr??eren wirtschaftlichen Impuls, als Italien zu erw?gen wagt. Die bereits bestehenden Spaltungen werden sich noch verst?rken. Die Niederlande und Deutschland haben sich einem von Franzos/innen, Italiener/innen, Spanier/innen und Portugies/innen angeführten Vorsto? zur Ausgabe gemeinsamer Coronabonds widersetzt. Nur das Eingreifen der EZB hat verhindert, dass es zu einer sofortigen Rückkehr der Staatsschuldenkrise gekommen ist.

Diese Sackgasse ist nicht das, was die EZB will: Ihre neue Pr?sidentin, Christine Lagarde, hat, wie auch der Rest des EZB-Rates, wiederholt ihre Unterstützung für Korona-Anleihen deutlich gemacht. Es ist auch nicht das, was die M?rkte wollen. Aber eine Gruppe nordeurop?ischer Politiker/innen scheint zu glauben, dass sie ihren W?hler/innen nicht mehr abverlangen k?nnen: Selbst im Falle einer Pandemie, wenn die Infektion über ihre Grenzen hinwegfegt, klammern sie sich an Vorstellungen von nationalem Risiko und nationaler Haftung. Dennoch beruht diese Mutlosigkeit auf einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung, da niemand den Mut hatte, den Sachverhalt vorzubringen, den Vorschlag zu erkl?ren und zu verkaufen. Aus der Sicht Europas ist es eine entmutigende Pattsituation. Aus der Sicht der übrigen Welt kommt es darauf an, dass Europa keine Staatsschuldenkrise ausl?st. Es ist auch zu hoffen, dass sich die Kluft zwischen den Exporten und Importen Europas nicht noch weiter vergr??ert. Das Ausma? der von Deutschland eingeleiteten Impulse sieht auf dem Papier beeindruckend aus und sollte die Exporte seiner Handelspartner unterstützen. Aber die bei weitem gr??ten Posten in der deutschen Antwort sind Kreditgarantien und nicht die tats?chlichen Ausgaben, und es bleibt abzuwarten, inwieweit dies die Gesamtnachfrage stimulieren wird.

Düstere Perspektiven für Europa und die USA

Die Optionen für die EU sind düster. Diejenigen der USA k?nnten sogar noch schlechter sein. Um die Implosion der Wirtschaft zu bek?mpfen, verabschiedete der Kongress ein wirklich bemerkenswertes Konjunkturpaket in H?he von 2 Billionen Dollar - weit gr??er als die in den Jahren 2008-9 mobilisierten Mittel, und es wurde viel schneller beschlossen. Die Schecks, die an die meisten Familien in Amerika geschickt werden sollen, sind eine verw?sserte und tempor?re Form eines universellen Grundeinkommens. Die Darlehensprogramme enthalten Bestimmungen zum Schutz von Arbeitnehmer/innen, die noch an ihrem Arbeitsplatz t?tig sind, und zur Begrenzung der überh?hten Managementvergütungen und Aktienrückk?ufe, mit denen das korporative Amerika die Wohlhabendsten der Gesellschaft belohnt hat. Aber radikalere und systemischere Vorschl?ge, die tats?chlich einen gewissen Beitrag zur Deckung der durch die Schlie?ung erlittenen Einkommensverluste in H?he von Billionen von Dollar h?tten leisten k?nnen, wurden blockiert. Zweifellos fielen solche Vorschl?ge den Verhandlungen zwischen der Parlamentspr?sidentin Nancy Pelosi und ihren republikanischen Amtskollegen zum Opfer.

Aber die Wahrheit ist, dass sie angesichts der Funktionsweise des amerikanischen Verwaltungsapparats, dessen Unzul?nglichkeiten selbst ein Ergebnis der gespaltenen amerikanischen Politik sind, unrealistisch waren. Warum haben die USA zum Beispiel kein nationales Arbeitslosenversicherungssystem? Um Angriffe von Konservativen, Staaten und Richter/innen zu vermeiden. Stattdessen begnügt es sich mit einem Flickenteppich von Systemen auf der Ebene der Bundesstaaten, von denen viele sorgf?ltig darauf ausgerichtet sind, die "Empf?ngerquote" unter 20 Prozent derjenigen zu halten, die im Prinzip Anspruch auf Leistungen haben sollten. Es handelt sich nicht um ein System, auf das man sich verlassen m?chte, wenn die Wirtschaft am Tropf h?ngt.

US-Gesundheitswesen vor dem Zusammenbruch

Die Krise best?tigt einmal mehr die Position der Federal Reserve im Zentrum der Wirtschaftsregierung. Es gibt einen neuen Mechanismus für die Zusammenarbeit zwischen der Fed und dem Finanzministerium, der Verluste von bis zu 450 Milliarden Dollar bei der Kreditvergabe der Fed auffangen kann. Da die meisten Kredite zurückgezahlt werden, steht der Fed damit eine enorme Feuerkraft zur Verfügung. Aber sie kann nicht das bek?mpfen, was eigentlich die entscheidende Kraft in der Krise ist, n?mlich die Epidemie. Weniger als 10 Prozent der Stimulusausgaben sind für den Gesundheitssektor bestimmt. Doch es werden dringend Mittel ben?tigt, um ein System zu flicken, das selbst jetzt, wo es jenseits seiner Kapazit?t arbeiten muss, vom finanziellen Zusammenbruch bedroht ist.

Die besten Krankenh?user Amerikas sind gut in hochtechnologischer, hochpreisiger Medizin. Doch die Bek?mpfung des Coronavirus erfordert eine umfassende Unterdrückung der Ansteckung und Massenbehandlung von Atemwegserkrankungen. Das ist nicht das, was Amerikas überm??ig bürokratisches System leisten soll. Staaten wie Kalifornien und St?dte wie New York sind reich und relativ gut ausgerüstet, um auf den Notfall zu reagieren. Doch als n?chstes folgen das verarmte und geschlagene New Orleans, und Detroit, das erst vor kurzem dem Bankrott entgangen ist. Der Einzelne greift zu privaten L?sungen. Als die Epidemie in New York explodierte, leerte sich die Upper East Side Manhattans, und die Reichen flohen in ihre Strandh?user oder Landsitze in den Hügeln im Hinterland. In den von Republikanern regierten ?roten“ Staaten gab es einen Ansturm auf Munitionslager. Es geht nicht darum, den Virus zu t?ten: Die Twitter-Feeds der Waffenlobby warnen vor marodierenden Banden von Gefangenen, die von liberalen Gouverneur/innen aus den überfüllten, unhygienischen Gef?ngnissen Amerikas freigelassen werden.

Konservative fordern Aufhebung des Lock-downs

Unterdessen hat Trump die Zuteilung der strategischen Reserve der USA an lebensrettenden Beatmungsger?ten in eine Reality-TV-Show verwandelt, die, so rühmt er sich, mehr Zuschauer anzieht als das Staffelfinale von The Bachelor. Er beschwor die Idee herauf, dass die USA bis Ostern "ge?ffnet würden und loslegen k?nnte", und war dann gezwungen, den Rückzug anzutreten. Er oszilliert zwischen drakonischen Drohungen, den Bundesstaat New York, New Jersey und Connecticut abzusperren, und ungeduldigen Forderungen, dass Amerika sich so bald wie m?glich "?ffnet". Wieder einmal wurden seine Unzul?nglichkeiten aufgedeckt. Aber tiefere Kr?fte sind am Werk.

Heftige konservative Stimmen und führende Gesch?ftsleute haben den Pr?sidenten in diese Richtung gedr?ngt. Die Frage ist nicht, ob die "Herdenimmunit?t" angestrebt werden soll oder nicht. Was all das Gerede über alternative Strategien veranlasst, ist die schiere Schwierigkeit, sich vorzustellen, wie die USA einen Lockdown entweder wirtschaftlich oder politisch durchsetzen k?nnen. Der Versuch, das Virus mit Lockdowns und sozialer Distanzierung zu bek?mpfen, legt die Schw?chen Amerikas schmerzhaft offen. Ungeduldig dr?ngen der Pr?sident und seine Berater darauf, stattdessen die St?rken des Landes auszuspielen, die sie in ihrer eigennützigen Art mit der Wirtschaft und nicht mit der ?ffentlichen Gesundheit identifizieren. Doch wie die Expert/innen der Regierung selbst gewarnt haben, besteht die Gefahr einer unkontrollierten Epidemie, die Amerikas Krankenh?user überw?ltigen wird, wenn die Tests und die Rückverfolgung nicht enorm beschleunigt werden. Hinzu kommt, dass sieben Millionen ?ltere Amerikaner/innen in Bezirken leben, in denen es keine Intensivbetten gibt.

Angemessene Priorisierungen

Was wir bei der amerikanischen Reaktion auf die Krise erleben, mehr als der Totalausfall von Trump, ist die Kluft zwischen der Kompetenz der amerikanischen Regierungsmaschinerie bei der Verwaltung der globalen Finanzen und dem Kasperletheater ihrer Politik. Diese Spannung ist zumindest seit den 1990er Jahren immer eklatanter geworden, aber der Virus hat sie wie nie zuvor offengelegt. Er hat eine scheinbare Wahl zwischen wirtschaftlicher Prosperit?t und Massensterben erzwungen, was nicht nur in Amerika für den vorherrschenden gesunden Menschenverstand zutiefst schockierend ist.

1992 hatte der politische Chefberater von Bill Clinton, James Carville, eine Botschaft: ?It’s the economy, stupid“ (Es ist die Wirtschaft, Dummkopf). Damals klang dies wie die Stimme der Macht und der Vernunft. Es ist klar, dass die gegenw?rtige Pandemie diese einfache Behauptung der Priorit?t der Wirtschaftspolitik umst??t. Aber, wie die asiatischen Staaten gezeigt haben, muss es sich nicht um eine grundlegende Umw?lzung gehandelt haben. In den wohlgeordneten Reaktionen Chinas und Südkoreas ist die Wirtschaft vorübergehend in den Hintergrund getreten, aber ihre Konzentration auf die ?ffentliche Gesundheit und Ordnung ist, wie sich herausstellt, der beste Weg zurück zum business as usual. Wenn man rasch einen Notfall ausruft und bereit ist, den normalen Betrieb zu unterbrechen, erscheinen sowohl die medizinischen als auch die wirtschaftlichen Kosten für die Bek?mpfung des Virus ertr?glicher, und die konventionellen Priorit?ten der modernen Politik bleiben im Grunde genommen bestehen.

Schlechte Optionen bei Kontrollverlust

Wie die Europ?er/innen und Amerikaner/innen entdeckt haben, sind, sobald man die Kontrolle verliert, alle Optionen schlecht: die Wirtschaft für eine unvorhersehbare Dauer stilllegen oder Hunderttausende sterben. Trump hat die Herausforderung nicht gemeistert; stattdessen drückt er durch seine schwankenden und erratischen ?u?erungen die Unm?glichkeit aus, dies mit Mitteln zu tun, die keine gro?en Schmerzen verursachen. In der Gestalt von Trump erscheint die Wirtschaft nicht so sehr als ein über-Ich, das das Gesetz vorgibt, sondern als ein unb?ndiger Impuls, der darauf besteht, dass wir seine Forderungen ungeachtet der Kosten erfüllen, ein Symptom nicht des Realismus, sondern der Verwirrung. Trumpf verk?rpert also etwas, das Europa und den USA tats?chlich gemeinsam ist: ein Mangel an Führung auf der Ebene, die für den Umgang mit einer Pandemie angemessen ist. Stattdessen ist die Aufgabe den Regionalgouverneur/innen in den USA und den nationalen Regierungen in Europa übertragen worden, den verzweifelt überforderten medizinischen Diensten auf der einen Seite und den Techniker/innen der Wirtschaftspolitik und der sozialen Unterstützung auf der anderen Seite. Inzwischen kommen Hunderte Millionen von Menschen und ihre Familien damit zurecht, so gut sie k?nnen. Wie beim Klimawandel bleibt uns scheinbar nur das Gebet um einen deus ex machina in Form eines wissenschaftlichen Durchbruchs.

Und wenn die Krise vorbei ist? Was dann? Wie stellen wir uns den Neustart vor? Bevor er zum Rückzug gezwungen wurde, beschwor Trump das Bild von Kirchen, die sich zu Ostern füllen. Wird die Weltwirtschaft von den Toten auferstehen? Werden wir uns wieder auf das Genie der modernen Logistik und die Techniken der Dollar-Finanzierung verlassen, um die Weltwirtschaft wieder zusammenzufügen? Es wird schwieriger sein als zuvor. Jegliche Konvergenzphantasie, die wir nach dem "Fall des Kommunismus" h?tten hegen k?nnen, ist sicherlich inzwischen zerstreut. Wir werden den Einparteien-Autoritarismus Chinas, den nationalen Wohlfahrtsstaat Europas und was auch immer die Vereinigten Staaten nach dieser Katastrophe sein werden, irgendwie zusammenflicken müssen. Aber auf jeden Fall sind diese Fragen für uns in Europa und Amerika verfrüht. Das Schlimmste hat gerade erst begonnen.

Dieser Text erschien zuerst auf Englisch im London Review of Books. übersetzung: J?rg Haas